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Die Risiken des Wahlprogramms der AfD

Inhaltsverzeichnis

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Das AfD-Bundestagswahlprogramm 2025, verabschiedet am 11.–12. Januar 2025 in Riesa, enthält eine Vielzahl radikaler wirtschafts-, sozial- und europapolitischer Forderungen, die zusammengenommen ein erhebliches Risiko für den deutschen Sozialstaat, den Wirtschaftsstandort und die Stabilität der Europäischen Union darstellen. Zentral sind dabei der geforderte Ausstieg aus dem Euro, die De-facto-Option eines EU-Austritts, eine Rolle rückwärts in der Energie- und Klimapolitik, eine harte Restriktion des Sozialstaats und ein massiver fiskalischer Umbau zugunsten hoher Einkommen und großer Vermögen.

Führende Wirtschaftsforschungsinstitute wie das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) und das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) warnen explizit, dass die Umsetzung der AfD-Pläne „katastrophale wirtschaftliche Konsequenzen“ hätte und zu Wohlstandsverlusten in der Größenordnung mehrerer Hundert Milliarden Euro, Millionen gefährdeter Arbeitsplätze und einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von rund 5–6 Prozent führen könnte.

Gewerkschaften und Arbeitsmarktforscher betonen, dass die AfD-Politik nicht die „kleinen Leute“, sondern vor allem Vermögende und Großunternehmen begünstigt, während Beschäftigte, Arbeitslose und sozial Schwache erhebliche Einbußen hätten.

Die wesentlichen Gefahren lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  • Sozialstaat: Verschärfung der Grundsicherung, faktische Ausgrenzung großer Gruppen vom Leistungsbezug, nicht finanzierbare Rentenversprechen und Kürzungsdruck auf Gesundheits- und Pflegeleistungen.
  • Wirtschaft: Euro- und möglicher EU-Austritt mit massiver Gefährdung des Exportmodells, Investitionsrückgang, Fachkräftemangelverschärfung und hoher Rechtsunsicherheit für Unternehmen.
  • EU und Geopolitik: Destabilisierung der EU-Strukturen, Schwächung des Binnenmarkts und der europäischen Handlungsfähigkeit gegenüber USA, China und Russland.

Dieses Dossier vertieft die Analyse in mehreren Themenfeldern und zeigt, warum das AfD-Programm als Hochrisikoprojekt mit erheblichen negativen Folgen für Deutschland und Europa einzustufen ist.
 

1. Währungspolitik: Die Euro-Ausstiegs-Gefahr

1.1 Die programmatische Position der AfD

Im Wahlprogramm 2025 erklärt die AfD, „Deutschland muss aus dem Euro-System austreten“ und den Euro als Währung aufgeben. Zur Begründung werden vermeintliche „Transferunion“, „Haftungsrisiken“ und angebliche Konstruktionsfehler des Euro-Systems angeführt.

Flankierend fordert die Partei:

  • Wiedereinführung einer nationalen Währung (de facto D-Mark)
  • Beendigung der Euro-Rettungsinstrumente (ESM, OMT, gemeinsame Schuldenprogramme)
  • Beendigung der Target-2-Salden und Begrenzung deutscher Haftung im Eurosystem
  • Rückholung und ggf. nationale „Absicherung“ der Goldreserven.

Diese Forderungen zielen auf eine fundamentale Abkehr von der seit Jahrzehnten etablierten europäischen Währungsarchitektur.

1.2 Makroökonomische Folgen eines Euro-Austritts

Ökonomische Analysen zu einem einseitigen Austritt Deutschlands aus dem Euro zeigen, dass ein solcher Schritt zu erheblichen Störungen im Währungs- und Finanzsystem führen würde.

  • Aufwertung einer neuen D-Mark: Historische Erfahrungen mit starken Währungen legen nahe, dass eine neue D-Mark gegenüber dem Rest-Euro oder anderen Währungen deutlich aufwerten würde. Dies verteuert deutsche Exporte, drückt Margen und begünstigt Produktionsverlagerungen ins Ausland.
  • BIP-Rückgang und Wohlstandsverluste: Simulationsrechnungen des IW und anderer Institute beziffern mögliche Produktions- und Einkommensverluste eines „Dexit“ in einer Größenordnung von etwa 5–6 Prozent des BIP innerhalb weniger Jahre.
  • Beschäftigungsverluste: Durch Exportrückgang, sinkende Investitionen und Unsicherheit wird mit Verlusten von bis zu mehreren Millionen Arbeitsplätzen gerechnet, insbesondere in der Industrie und in exportorientierten Dienstleistungen.
  • Finanzmarkt-Turbulenzen: Eine harte Währungsumstellung würde zu rechtlichen und bilanziellen Unsicherheiten in Banken- und Unternehmensbilanzen führen; Target-2-Forderungen und grenzüberschreitende Verbindlichkeiten könnten teilweise uneinbringlich werden.

1.3 Betroffene Sektoren und Haushalte

Exportindustrien: Automobilindustrie, Maschinenbau, Elektrotechnik und Chemie – stark vom Euroraumexport abhängig – wären besonders betroffen. Ein Teil der Produktion könnte in Länder mit Rest-Euro oder anderen Währungen verlagert werden, um den Währungseffekt zu kompensieren.

Finanzsektor: Durch die umstellung auf eine neue Währung entstünden komplexe Vertragsfragen, insbesondere bei grenzüberschreitenden Kredit- und Derivateverträgen, was eine Phase erhöhter Insolvenzgefahr und Vertrauensverluste wahrscheinlicher macht.

Private Haushalte: Sparer, Rentner und Kreditnehmer wären unterschiedlichen Risiken ausgesetzt, etwa durch zwangsweise Umstellung von Euro-Guthaben, Entwertung von Rentenansprüchen und Verteuerung von Fremdwährungskrediten.
 

2. EU-Austritt („Dexit“) und seine Folgen

2.1 AfD-Position zur Europäischen Union

Im Kapitel „Von der EU zu einem Bund Europäischer Nationen“ fordert die AfD eine grundlegende Rückabwicklung europäischer Integration. Vorgesehen sind:

  • Rückverlagerung zentraler Kompetenzen (Rechtsetzung, Migrationspolitik, Energiepolitik) auf die Nationalstaaten
  • Ablehnung eigener Steuerkompetenzen der EU
  • Stopp gemeinsamer Schuldenprogramme und enger fiskalischer Zusammenarbeit
  • Neuordnung oder Aufkündigung bestehender Verträge mit Option eines formellen Austritts.

Auch wenn ein expliziter „Dexit“-Beschluss im Programm nicht voll ausgesprochen wird, eröffnet die Logik der Forderungen faktisch den Weg in einen Austrittsprozess.

2.2 Binnenmarkt, Handel und Wertschöpfungsketten

Der EU-Binnenmarkt ist mit Abstand der wichtigste Handelsraum Deutschlands; rund die Hälfte der deutschen Exporte geht in EU-Länder. Ein Austritt würde bedeuten:

  • Wegfall des freien Waren-, Dienstleistungs-, Kapital- und Personenverkehrs
  • Wiedereinführung von Zöllen und nicht-tarifären Handelshemmnissen
  • Komplexe Neuverhandlungen bilateraler Handelsabkommen.

Für deutsche Unternehmen, insbesondere Mittelständler ohne große Rechtsabteilungen, bedeutete dies mehr Bürokratie (Zollabwicklung, Ursprungsnachweise, Produktzulassungen), Verzögerungen in Lieferketten und Kostensteigerungen durch Zolltarife und Logistikaufwand.
 

3. Energie- und Klimapolitik: Rückwärtsgang mit Folgekosten

3.1 Zentrale energiepolitische Forderungen der AfD

Die AfD verlangt im Wahlprogramm einen vollständigen Kurswechsel in der Energiepolitik.

  • Sofortiger Stopp des Ausbaus erneuerbarer Energien, insbesondere Windkraft und Photovoltaik
  • Rückbau bestehender Windkraftanlagen und Abschaffung des EEG
  • Aufhebung der CO?-Bepreisung und aller Klimaschutzprogramme
  • Wiedereinstieg in Kohle und Kernenergie, längere Laufzeiten bestehender fossiler Kraftwerke
  • Wiederinbetriebnahme von Pipelineprojekten wie Nord Stream.

3.2 Verfassungsrechtliche Dimension

Das Bundesverfassungsgericht hat 2021 festgestellt, dass der Staat zum Schutz künftiger Generationen verpflichtet ist, wirksame Maßnahmen zur Begrenzung des Klimawandels zu treffen. Politiken, die Emissionen gezielt erhöhen und Klimaschutzinstrumente weitgehend beseitigen, geraten damit in Konflikt mit Schutzpflichten aus dem Grundgesetz und mit völkerrechtlichen Verpflichtungen wie dem Pariser Klimaabkommen und den EU-Klimazielen.

3.3 Ökonomische Effekte der AfD-Energiepolitik

Kostenstruktur der Energieerzeugung: Kostenvergleiche zeigen, dass neue Atomkraftwerke in Europa zu den teuersten Stromerzeugungsformen gehören, während erneuerbare Energien ihre Gestehungskosten in den letzten Jahren massiv senken konnten.

Die AfD-Strategie hätte daher tendenziell folgende Effekte:

  • Höhere langfristige Stromgestehungskosten durch Förderung teurer Großprojekte (AKW, „saubere“ Kohle)
  • Erhöhte Investitions- und Planungsrisiken, da internationale Investoren auf stabile Klimapolitik setzen.

Standortattraktivität: Die globale Industrie richtet sich zunehmend auf klimaneutrale Produktion aus; viele internationale Unternehmen machen ihre Investitionsentscheidungen von der Verfügbarkeit günstiger, grüner Energie abhängig. Eine Rückkehr zu fossilen Energien würde Deutschland als „schmutzigen“ Standort brandmarken, CO?-bezogene Grenzausgleiche (CBAM) der EU gegen deutsche Exporte provozieren und Green-Tech-Branchen schwächen.
 

4. Sozialpolitik: Abbau und Exklusion

4.1 Umbau von Bürgergeld zu „aktivierender Grundsicherung“

Die AfD erklärt das bestehende Bürgergeldsystem für „nicht funktionierend“ und will es durch eine „aktivierende Grundsicherung“ ersetzen.

Vorgesehene Verschärfungen sind unter anderem:

  • Verpflichtung zu gemeinnütziger Arbeit nach sechs Monaten Leistungsbezug
  • Deutlich härtere Sanktionen bei vermeintlicher „Arbeitsverweigerung“
  • Deutlich Einschränkung des Leistungszugangs für ausländische Staatsangehörige (z. B. Mindestaufenthalts- und Beitragszeiten).

Gewerkschaften und Sozialverbände warnen, dass diese Politik Langzeitarbeitslose, Alleinerziehende und gesundheitlich beeinträchtigte Menschen besonders hart treffen würde.

4.2 Rentenversprechen ohne finanzielle Deckung

Das Programm verweist positiv auf das österreichische Rentenmodell und verspricht ein deutlich höheres Rentenniveau, ohne jedoch echte Gegenfinanzierungen vorzulegen. Gleichzeitig fordert die AfD Steuersenkungen in großem Umfang, die Einhaltung der Schuldenbremse und keine nennenswerte Ausweitung von Beiträgen. Ökonomisch entsteht ein klassischer Zielkonflikt: Höhere Renten erfordern höhere Beiträge, mehr Steuern oder mehr Schulden – die AfD lehnt alle drei Säulen zugleich weitgehend ab.

4.3 Gesundheit und Pflege

Im Gesundheitsbereich setzt das Programm vor allem auf Kostenbegrenzung und Bürokratieabbau, ohne eine belastbare Antwort auf den demografisch bedingten Ausgabenanstieg zu geben. Parallel werden internationale Kooperationen (WHO, EU-Gesundheitsagenturen) infrage gestellt und Impf- und Präventionsprogramme relativiert. Dies birgt Risiken für Pandemievorsorge, Versorgungssicherheit bei Arzneimitteln und die langfristige Stabilität der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung.
 

5. Steuer- und Finanzpolitik: Entlastung oben, Lücke unten

5.1 Umfang der geplanten Steuersenkungen

Die AfD fordert ein Bündel von Steuersenkungen und -abschaffungen:

  • Abschaffung der Erbschaftsteuer und (wo vorhanden) Vermögensteuern
  • Abschaffung der Grundsteuer
  • Vollständige Abschaffung des Solidaritätszuschlags
  • Deutliche Senkung der Unternehmenssteuern
  • Stärkere Entlastung von Kapitalerträgen (höherer Sparerpauschbetrag)
  • Abschaffung aller CO?-bezogenen Abgaben.

Schätzungen verschiedener Institute kommen zu dem Ergebnis, dass die resultierenden Einnahmeausfälle im zweistelligen bis dreistelligen Milliardenbereich pro Jahr liegen könnten, je nach genauer Ausgestaltung.

5.2 Verteilungswirkung

Analysen aus gewerkschaftsnahen und unabhängigen Instituten zeigen, dass von diesen Maßnahmen überproportional profitieren würden:

  • Erben größerer Vermögen (durch Abschaffung der Erbschaftsteuer)
  • Eigentümer umfangreicher Immobilienbestände (Grundsteuer)
  • Kapitaleinkommensbezieher und Großanleger
  • profitstarke Unternehmen.

Haushalte mit niedrigen und mittleren Einkommen profitieren dagegen vergleichsweise wenig, da sie weder hohe Erbschaften noch große Kapitalerträge besitzen. Gleichzeitig würde der fiskalische Spielraum für Sozialtransfers, Bildung, Infrastruktur und Gesundheit deutlich schrumpfen.

5.3 Schuldenbremse, Investitionen und Kürzungsdruck

Die AfD betont im Programm die strikte Einhaltung der Schuldenbremse. Angesichts gleichzeitiger Steuersenkungspläne und zusätzlicher Ausgabenversprechen ist die Rechnung nur über drastischen Leistungsabbau, eine faktische Aufweichung der Schuldenbremse oder unrealistische Wachstumsannahmen zu schließen. Wirtschaftsforscher bewerten diese Kombination als ökonomisch inkonsistent und langfristig wachstumsschädlich.
 

6. Migrations- und Arbeitsmarktpolitik

6.1 „Rückführungsoffensive“ und Remigration

Die AfD fordert eine „umfassende Rückführungsoffensive“ für ausreisepflichtige Personen sowie eine restriktive Neubewertung von Schutzbedürftigkeit mit dem Ziel, möglichst viele Menschen zur Rückkehr in Herkunftsstaaten zu bewegen. Hinzu kommen starke Einschränkungen des Familiennachzugs, eine restriktive Vergabe von Staatsbürgerschaft und die enge Kopplung sozialer Rechte an lange Beiträge und Aufenthaltszeiten. Ökonomisch sind Geflüchtete und Migranten jedoch längst ein relevanter Teil des Arbeitsmarktes, unter anderem in Pflege, Gastronomie, Logistik, Bau und Handwerk. Eine großflächige Remigration würde den bestehenden Fachkräftemangel verschärfen.

6.2 Demografie und Fachkräftebedarf

Deutschland steht vor einem erheblichen demografischen Rückgang der Erwerbsbevölkerung; mehrere Millionen Arbeitskräfte werden in den kommenden Jahren altersbedingt ausscheiden. Ohne qualifizierte Zuwanderung ist dieses Defizit nach nahezu einhelliger Expertenmeinung nicht kompensierbar. Die AfD-Politik würde jedoch Deutschland als Zuwanderungsland reputativ beschädigen, rechtliche Unsicherheiten für hier lebende und potenziell zuwandernde Fachkräfte schaffen und integrationspolitische Anstrengungen zurückdrehen. Die Folge wäre eine deutliche Verschärfung von Arbeits- und Fachkräftemangel mit negativen Folgen für Wachstum, Sozialsysteme und Innovationsfähigkeit.
 

7. Auswirkungen auf die Europäische Union

7.1 Politische und institutionelle Destabilisierung

Deutschland ist größter Mitgliedstaat, wirtschaftliche Lokomotive und wichtigster Nettozahler der EU. Eine deutsche Regierung mit AfD-Beteiligung, die systematisch EU-Kompetenzen blockiert, gemeinsame Projekte torpediert und einen Austritt als Option offenhält, würde die institutionelle Stabilität der EU massiv beeinträchtigen. Mögliche Folgen wären Blockaden bei wichtigen Entscheidungen (Haushalt, Erweiterung, Sicherheit, Klima, Migration), ein Anstieg euroskeptischer Bewegungen in anderen Mitgliedstaaten und das Risiko eines Dominoeffekts weiterer Austrittsdebatten.

7.2 Binnenmarkt, Währung und geopolitische Stellung

Ein deutsches Ausscheiden aus EU-Strukturen oder eine weitgehende Funktionsblockade würde den Binnenmarkt in seiner heutigen Form infrage stellen, die Eurozone strukturell schwächen und Europas Position gegenüber globalen Akteuren (USA, China, Russland, Indien) deutlich verschlechtern. Gerade in Handels-, Sanktions-, Sicherheits- und Klimapolitik ist eine handlungsfähige EU wichtig; eine Renationalisierung, wie von der AfD gefordert, würde Europas Verhandlungsmacht spürbar reduzieren.
 

8. Mittelstand, KMU und regionale Wirtschaft

8.1 Bürokratieversprechen vs. reale Effekte

Zwar verspricht die AfD einen Abbau von Bürokratie, etwa durch weniger EU-Regulierung oder Deregulierung im Umweltrecht, doch zentrale Großprojekte wie Währungswechsel, neue Grenzkontrollen und Neuverhandlung zahlreicher Handelsabkommen würden kurzfristig und mittelfristig den administrativen Aufwand für Unternehmen erhöhen. Gerade kleine und mittlere Unternehmen, die auf einfache, stabile Rahmenbedingungen angewiesen sind, könnten solche Umbrüche nur schwer bewältigen.

8.2 Finanzierung und Investitionen

Ein Euro- oder EU-Austritt sowie eine konfrontative EU-Politik würde Risikoprämien für Investitionen in Deutschland erhöhen. Die Folge wären teurere Kredite, Zurückhaltung ausländischer Direktinvestitionen und Unsicherheit für langfristige Projekte, etwa in Infrastruktur und Forschung. Initiativen zu Digitalisierung, Klimaschutz, Technologieentwicklung und Regionalförderung, die heute stark EU-kofinanziert sind, würden unter Mittelknappheit und politischer Unsicherheit leiden.
 

9. Wissenschaftliche und gewerkschaftliche Gesamtbewertung

9.1 Wirtschaftsforschungsinstitute

Das DIW Berlin und das IW Köln kommen in ihren Einschätzungen zu AfD-Politik zu ähnlichen Ergebnissen:

  • Hohe volkswirtschaftliche Kosten bei Euro-/EU-Austritt
  • Gefährdung von Millionen Arbeitsplätzen durch Standortverschlechterung
  • Negativwirkung auf Investitionsklima und Innovationskraft
  • Verstärkung sozialer Ungleichheit durch Steuerpolitik.

Beispielsweise warnt das DIW, dass die Wirtschaftspolitik der AfD zu Massenarbeitslosigkeit, sinkenden Einkommen, höheren Preisen, Inflation und einem drastischen Abbau sozialer Sicherung führen würde. Das IW beziffert die Wohlstandsverluste eines „Dexit“ auf bis zu 690 Milliarden Euro und 2,5 Millionen gefährdete Arbeitsplätze.

9.2 Gewerkschaften und Sozialverbände

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) bezeichnet die AfD als „Feind der Beschäftigten“ und warnt, dass ein Euro-Austritt sowie eine Abkehr von erneuerbaren Energien deutsche Exporte verteuern und Strompreise erhöhen würden – mit negativen Folgen für Beschäftigte und Betriebe. Sozialverbände sehen in der geplanten Umgestaltung von Bürgergeld und Grundsicherung eine zunehmende Prekarisierung ohnehin verwundbarer Gruppen.
 

10. Innere Sicherheit und Justiz: Repression und Rechtsstaatlichkeit

10.1 Programmatische Schwerpunkte der AfD

Im Bereich der Sicherheitspolitik setzt die AfD auf eine massive Verschärfung des Strafrechts und eine einseitige Fokussierung auf Kriminalität durch Ausländer. Zentral sind Forderungen wie die Herabsetzung des Strafmündigkeitsalters, eine härtere Gangart im Jugendstrafrecht sowie eine starke Betonung von „Remigration“ im sicherheitspolitischen Kontext.

10.2 Risiken für Rechtsstaat und Gesellschaft

Verstoß gegen internationale Standards: Die Bestrafung sehr junger Jugendlicher nach Erwachsenenstrafrecht verletzt voraussichtlich die UN-Kinderrechtskonvention und schwächt die pädagogische Ausrichtung des Jugendstrafrechts, was langfristig eher zu höheren Rückfallquoten führt.

Politisierung der Justiz: Die AfD stellt die Unabhängigkeit der Justiz grundsätzlich infrage und fordert Umbauten, die von Kritikerinnen und Kritikern als Versuch gewertet werden, Gerichte und Strafverfolgungsbehörden politisch zu beeinflussen.

Ethnisierung der Sicherheit: Die starke Fokussierung auf Migration in der Kriminalitätsdebatte erhöht das Risiko struktureller Diskriminierung und gesellschaftlicher Spaltung und schwächt das Vertrauen marginalisierter Gruppen in Polizei und Justiz.
 

11. Familie, Bildung und Medien: Rückbau gesellschaftlicher Pluralität

11.1 Leitbild und Bildungspolitik

In der Gesellschaftspolitik fordert die AfD eine Rückbesinnung auf traditionelle Werte und eine Abkehr von modernen Bildungskonzepten:

  • Die „Kernfamilie“ (Vater, Mutter, Kinder) wird als vorrangig förderungswürdiges Leitbild definiert.
  • Stopp von Programmen gegen Rassismus und „Gender-Mainstreaming“ an Schulen.
  • Umwandlung der Schulpflicht in eine „Bildungspflicht“ (Ermöglichung von Homeschooling).
  • Drastische Kürzung staatlich finanzierter Öffentlichkeitsarbeit und kritischer Medienangebote.

11.2 Gefahren für Bildung und Meinungsvielfalt

Bildungsungleichheit und Isolation: Die Einführung von Homeschooling birgt das Risiko, dass Kinder in abgeschotteten, ideologisch geprägten Milieus aufwachsen, ohne Zugang zu pluralistischen Bildungsangeboten. Dies schwächt Chancengleichheit und sozialen Zusammenhalt.

Diskriminierung alternativer Lebensentwürfe: Durch die einseitige Förderung der Kernfamilie und die Ablehnung von Aufklärungs- und Antidiskriminierungsprogrammen werden Alleinerziehende, gleichgeschlechtliche Paare und queere Menschen gesellschaftlich marginalisiert.

Destabilisierung der Medienlandschaft: Angriffe auf öffentlich-rechtliche Medien und eine pauschale Diskreditierung unabhängiger Presse als „Lügenpresse“ unterminieren die freie Meinungsbildung und schwächen die Kontrolle politischer Macht.
 

12. Zusammenfassende Risikobewertung für Deutschland

Das AfD-Bundestagswahlprogramm 2025 wurde laut Programmtext am 11. und 12. Januar 2025 in Riesa beschlossen. Darin finden sich unter anderem Forderungen nach dem Austritt Deutschlands aus dem Euro-System, nach einer grundlegenden Rückabwicklung der heutigen EU-Strukturen, nach einem harten Kurswechsel in der Energie- und Klimapolitik, nach massiven Änderungen in der Sozial- und Migrationspolitik sowie nach Eingriffen in Medien-, Bildungs- und Justizstrukturen. Mehrere Forschungsinstitute und Verbände bewerten genau diese Programmpunkte als Hochrisiko für Wirtschaftsleistung, Beschäftigung, Investitionen, Fachkräftegewinnung und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Besonders klar formulieren das das Institut der deutschen Wirtschaft, das DIW Berlin und der DGB.

1. Währungspolitik: Die Euro-Ausstiegs-Gefahr

Im AfD-Programm heißt es ausdrücklich, Deutschland müsse aus dem Euro-System austreten. Das ist keine Randnotiz, sondern ein zentraler programmatischer Punkt. Das IW beziffert die möglichen Wohlstandsverluste eines Dexit auf hunderte Milliarden Euro und verweist auf Millionen gefährdete Arbeitsplätze. Das DIW spricht bei einem Austritt aus Euro und EU von katastrophalen wirtschaftlichen Folgen. Für ein exportabhängiges Land mit 2024er Warenausfuhren von 1.556 Milliarden Euro laut Destatis wäre ein harter Währungsbruch kein technischer Nebeneffekt, sondern ein systemischer Schock.

2. EU-Austritt („Dexit“) und seine Folgen

Die AfD strebt laut Programm einen „Bund europäischer Nationen“ an und lehnt die heutige Integrationslogik der EU klar ab. Ein solcher Kurs würde den Binnenmarkt treffen, der nach Angaben des Rates der Europäischen Union auf den vier Grundfreiheiten beruht. Die KfW betont im Internationalisierungsbericht 2025, dass gerade der Abbau von Handelshemmnissen im EU-Binnenmarkt Innovation, Exporte sowie Produktivitäts- und Wertschöpfungsgewinne stärkt. Das IW bewertet einen Dexit entsprechend als schweren ökonomischen Einschnitt.

3. Energie- und Klimapolitik: Rückwärtsgang mit Folgekosten

Im Programm lehnt die AfD CO?-Abgaben ab, will aus dem Pariser Klimaabkommen aussteigen und richtet sich gegen den Ausbau von Wind- und Solarenergie. Das steht nicht nur im Konflikt mit dem Klimabeschluss des Bundesverfassungsgerichts, der staatliche Schutzpflichten gegenüber künftigen Freiheitsrechten betont. Auch ökonomisch spricht viel dagegen. Die Fraunhofer-ISE-Studie zeigt, dass neue Wind- und PV-Anlagen bei den Stromgestehungskosten sehr häufig günstiger sind als konventionelle Alternativen. Das DIW warnt zusätzlich vor den Folgen einer Schwächung von Green Deal und ökologischer Transformation.

4. Sozialpolitik: Abbau und Exklusion

Die AfD will das Bürgergeld durch eine „aktivierende Grundsicherung“ ersetzen und verbindet das mit einer deutlich härteren Linie gegenüber Leistungsbeziehern. Gleichzeitig kritisiert der DGB, dass die AfD bei Löhnen, Tarifbindung und sozialer Absicherung keine Politik für Beschäftigte anbietet, sondern einen sozialstaatlichen Rückbau riskiert. Im Programm finden sich außerdem Einschränkungen beim Zugang zu sozialen Leistungen für bestimmte Gruppen. Die Richtung ist damit klar restriktiv und exkludierend.

5. Steuer- und Finanzpolitik: Entlastung oben, Lücke unten

Das AfD-Programm fordert unter anderem die Abschaffung der Erbschaftsteuer, die Abschaffung der Grundsteuer, eine Entlastung bei Kapitalerträgen und weitere Steuersenkungen. Der DGB verweist auf Analysen, nach denen vor allem Reiche und Konzerne profitieren würde. Gleichzeitig hält die AfD an der Schuldenbremse fest. Genau diese Kombination aus hohen Entlastungsversprechen und engem Fiskalkorsett nährt den Einwand, dass die Lücke am Ende bei Infrastruktur, Bildung, Pflege und sozialer Sicherung landen würde.

6. Migrations- und Arbeitsmarktpolitik

Das Programm spricht von einer „umfassenden Rückführungsoffensive“ und einer deutlichen Begrenzung von Zuwanderung. Das kollidiert mit der Lage am Arbeitsmarkt. Das IAB zeigt, dass über acht Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in den nächsten zehn bis zwölf Jahren altersbedingt ausscheiden. Eine weitere IAB-Analyse kommt zu dem Ergebnis, dass ohne Zuwanderung das Erwerbspersonenpotenzial bis 2035 um 7,2 Millionen sinken würde und nur mit einer jährlichen Nettozuwanderung von 400.000 Personen langfristig stabil gehalten werden kann. Der Mediendienst Integration bündelt ebenfalls Studien, nach denen Deutschland zur Bewältigung des Fachkräftemangels auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen ist.

7. Auswirkungen auf die Europäische Union

Deutschland ist wirtschaftlich und politisch ein Kernstaat der EU. Ein Kurs gegen den Binnenmarkt, gegen gemeinsame Regeln und gegen die Währungsunion würde deshalb nicht nur Deutschland treffen, sondern die EU selbst destabilisieren. Der Rat der Europäischen Union beschreibt den Binnenmarkt als Wachstumstreiber, der Innovation, Mobilität und wirtschaftliche Integration fördert. Ein deutscher Bruchkurs hätte damit nicht nur nationale Kosten, sondern europäische Folgeschäden.

8. Mittelstand, KMU und regionale Wirtschaft

Gerade kleine und mittlere Unternehmen leben von stabilen Regeln, offenen Märkten und kalkulierbaren Lieferketten. Das Bundeswirtschaftsministerium unterstützt KMU ausdrücklich bei der Erschließung ausländischer Märkte. Zur europäischen Mittelstandspolitik betont das Ministerium, dass gemeinsame Definitionen und ein funktionierender Binnenmarkt Wettbewerbsverzerrungen vermeiden. Die KfW unterstreicht, dass weniger Handelshemmnisse Exporte und Produktivität stützen. Ein Euro- oder Dexit-Kurs würde genau diese Voraussetzungen verschlechtern.

9. Wissenschaftliche und gewerkschaftliche Gesamtbewertung

Die Grundrichtung ist quer über mehrere Institutionen ähnlich. Das IW warnt vor massiven Wohlstands- und Beschäftigungsverlusten durch einen Dexit. Das DIW spricht von katastrophalen wirtschaftlichen Konsequenzen. Der DGB sieht in der AfD keine Partei der Beschäftigten. Diese Bewertungen stammen aus unterschiedlichen institutionellen Perspektiven, zeigen aber in dieselbe Richtung.

10. Innere Sicherheit und Justiz

Die AfD fordert im Programm eine Herabsetzung der Strafmündigkeit auf 12 Jahre sowie eine härtere Linie im Jugendstrafrecht. Zugleich enthält das Programm Aussagen zu Polizei, Disziplinarrecht und Verfassungsschutz, die auf einen tiefen institutionellen Umbau zielen. Das sicherheitspolitische Muster besteht damit aus Härte, Politisierung und starker Zuspitzung auf bestimmte Täterbilder. Das ist keine neutrale Verwaltungsreform, sondern ein einschneidender Richtungswechsel im Verhältnis von Staat, Grundrechten und Strafrecht.

11. Familie, Bildung und Medien

Im Bildungsbereich will die AfD die Schulpflicht zur Bildungspflicht umwandeln. Im Familien- und Kita-Bereich wendet sie sich gegen Gender-Mainstreaming und betont ein traditionelles Familienbild. In der Medienpolitik verlangt sie einen stark verschlankten und „entideologisierten“ öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Solche Programmpunkte treffen sensible Bereiche demokratischer Öffentlichkeit. Die Reporter ohne Grenzen verweisen auf eine international angespannte Lage der Pressefreiheit, während RSF für Deutschland den wachsenden Druck auf Medienschaffende beschreibt. Die GEW warnt zudem vor einer Normalisierung der AfD im Bildungsraum.

Zusammenfassende Risikobewertung für Deutschland

Aus der Zusammenschau der Quellen ergibt sich ein konsistentes Bild. Das größte Risiko liegt nicht in einem einzelnen Programmpunkt, sondern in der Kombination aus Euro- und EU-Bruchlogik, Rückbau klimapolitischer und sozialstaatlicher Instrumente, Abschreckung von Fachkräften, steuerlicher Bevorzugung hoher Vermögen sowie Eingriffen in Medien-, Bildungs- und Justizstrukturen. Diese Kombination erhöht nach Einschätzung der herangezogenen Institute und Verbände das Risiko von Wohlstandsverlusten, Investitionsrückgang, Arbeitskräftemangel, gesellschaftlicher Spaltung und institutioneller Erosion.

 

Quellen (Auswahl)

  1. AfD-Bundestagswahlprogramm 2025 (PDF)
  2. IW Köln: Dexit würde 690 Milliarden Euro kosten
  3. DIW Berlin: AfD-Politik hätte katastrophale wirtschaftliche Konsequenzen
  4. DGB: Warum die AfD der Feind der Beschäftigten ist
  5. Destatis: Außenhandel Deutschlands 2024
  6. Destatis: Außenhandel zwischen den EU-Staaten 2024
  7. Rat der Europäischen Union: The EU single market
  8. Bundesverfassungsgericht: Beschluss vom 24. März 2021 zum Klimaschutzgesetz
  9. Fraunhofer ISE: Studie Stromgestehungskosten erneuerbare Energien
  10. IAB: Demografischer Wandel und Arbeitskräftemangel
  11. IAB: Nur mit 400.000 Nettozuwanderung bleibt das Arbeitskräfteangebot langfristig konstant
  12. IAB: Zuwanderung von Fachkräften
  13. KfW Research: Internationalisierungsbericht 2025 (PDF)
  14. Bundeswirtschaftsministerium: Exportinitiativen
  15. Bundeswirtschaftsministerium: Europäische Mittelstandspolitik
  16. Mediendienst Integration: Fachkräftemangel in Deutschland
  17. Mediendienst Integration: Schreckt Rechtspopulismus Fachkräfte ab?
  18. Reporter ohne Grenzen: Rangliste der Pressefreiheit 2025
  19. Reporter ohne Grenzen: Journalismus unter Druck
  20. bpb: Alternative für Deutschland, Bundestagswahl 2025
  21. GEW: Die AfD gehört nicht auf die didacta
  22. Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg: Wahlprogramm der AfD 2025

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