Eine Schale voller Gehirnzellen spielen kein DOOM

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Am 7. März 2026 ging ein Tweet viral. Der X-Account @TukiFromKL schrieb: "Nobody wants to hear this but it needs to be said. Scientists put human brain cells in a petri dish. No body. Just neurons on a chip. It learned to play DOOM in under a week." Sirenen-Emoji, dramatischer Tonfall, sieben Millionen Views. Dutzende Medien griffen die Geschichte auf. BILD, t3n, Focus, heute.at und viele andere brachten Varianten derselben Schlagzeile: Gehirnzellen spielen DOOM. Derselbe Account hatte kurz zuvor mit einer Geschichte über eine simulierte Fruchtfliege nach exakt dem gleichen Muster gearbeitet: "Scientists just copied a fruit fly's brain into a computer. It woke up and started walking. No one taught it to walk." Maximale Dramatik, minimaler Kontext, Sirenen-Emoji. Das ist kein Journalismus. Das ist ein Engagement-Template.
Was Cortical Labs tatsächlich gebaut hat
Das australische Biotech-Unternehmen Cortical Labs hat rund 200.000 im Labor gezüchtete menschliche Neuronen auf einem Mikroelektroden-Array platziert. Die Zellen sitzen in Nährlösung auf einem Chip und können elektrische Signale senden und empfangen. Das System heißt CL1 und wird seit 2025 kommerziell verkauft, für rund 35.000 Dollar pro Stück. Der Videofeed von DOOM wird in elektrische Stimulationsmuster umgewandelt und an die Neuronen gesendet. Die Zellen reagieren mit eigener elektrischer Aktivität, die als Spielbefehle interpretiert wird. Taucht ein Gegner auf der linken Bildschirmseite auf, stimulieren bestimmte Elektroden die linke Seite der Zellkultur. Die Neuronen feuern Signale zurück, die in Befehle wie "schießen" oder "nach rechts drehen" übersetzt werden. Klingt erstmal spektakulär. Nur: Die Neuronen "spielen" DOOM in einem extrem eingeschränkten Sinn.
Was im Code steht
Der unabhängige Entwickler Sean Cole hat die Schnittstelle zwischen DOOM und den Neuronen in etwa einer Woche programmiert. Er hat seinen gesamten Code auf GitHub veröffentlicht. Und wer sich die Mühe macht, in die technische Dokumentation zu schauen statt nur das Marketingvideo anzusehen, stößt auf einige ernüchternde Details. Cole dokumentiert in seinem README, dass sein Decoder, also die konventionelle Software, die Neuronenaktivität in Spielbefehle übersetzt, dazu neigt, sich zu einem eigenständigen "Policy Head" zu entwickeln. Auf Deutsch: Die normale Software lernt, die Neuronen zu umgehen und das Spiel selbst zu übernehmen. Cole hat deshalb Ablation-Modi eingebaut, mit denen man testen kann, ob die biologischen Zellen überhaupt einen messbaren Unterschied machen.
Ein Docstring im offiziellen Code formuliert es noch deutlicher: "the CL1 device performs NO computation." Das gesamte schwere Heben erledigt ganz gewöhnliche Silizium-Hardware. Ein CNN-Encoder verarbeitet das Bild. Ein PPO-Reinforcement-Learning-Loop steuert das Training. Eine Belohnungsfunktion bewertet die Ergebnisse. Ein Szenario-Curriculum strukturiert die Lernschritte. Die Neuronen sind in dieser Kette ein biologischer Filter, durch den die Signale hindurchlaufen.
Was die Ablation-Tests zeigen
Das Forschungsmagazin RD World Online hat den Versuch 601 Mal repliziert, auf einer NVIDIA H100 GPU und einem MacBook. Die Ergebnisse: Mit intaktem Neuronensignal überschritt das System in 27 Prozent der Episoden einen bestimmten Leistungsschwellenwert. Mit zufälligem Rauschen anstelle des Neuronensignals: 7 Prozent. Bei komplettem Schweigen: 8 Prozent. Die Neuronen machen einen Unterschied. Aber keinen dramatischen. Der beste Durchlauf mit Neuronen erreichte einen Score von -100, der beste ohne kam auf -330. Brett Kagan, der leitende Wissenschaftler von Cortical Labs, sagt selbst, die Neuronen spielten wie ein Anfänger, der noch nie einen Computer gesehen hat. Und fügt hinzu, man dürfe das biologische Gewebe nicht mit menschlichem Denken verwechseln. Es werde als Material genutzt, das Informationen auf eine besondere Weise verarbeiten kann.
Was die Medien daraus gemacht haben
Der virale Tweet behauptete, 800.000 Neuronen hätten gelernt, in einem Videospiel zu navigieren, zu schießen und zu überleben. Schon die Zahl war falsch: Es waren 200.000 Neuronen. Die 800.000 stammten aus dem Pong-Experiment von 2022, das mit einer früheren Hardware-Generation lief. Die Medien, die den Tweet aufgriffen, übernahmen die Dramatik eins zu eins. "Biotech-Sensation" schrieb die BILD. "Der Cyberpunk beginnt im Labor" titelte ein anderes Portal. Uncut News und ZeroHedge stellten die Geschichte in den Kontext von Überwachungstechnologie und militärischer KI. Niemand schaute in den Quellcode.
Dabei spielen die Neuronen nicht einmal das echte DOOM. Sie spielen Freedoom, eine Open-Source-Variante, die auf der DOOM-Engine läuft, aber keine der ikonischen Dämonen oder Waffen von id Software enthält. Auch dieses Detail ging in der Berichterstattung unter.
Was hier schiefgelaufen ist
Das Experiment von Cortical Labs ist nicht gefälscht. Die Neuronen tragen nachweislich etwas zum Ergebnis bei. Die Forschung war sogar ungewöhnlich transparent: öffentlicher Code, eingebaute Ablation-Tests, ehrliche Dokumentation der Grenzen durch den Entwickler selbst. Das Problem liegt in der Kommunikationskette. Cortical Labs hat ein Marketingvideo produziert, das die Sache deutlich aufregender darstellt als der nüchterne Code. Ein Clickbait-Account auf X hat daraus maximale Dramatik destilliert. Und Dutzende Redaktionen haben den Hype übernommen, ohne auch nur einen Blick in das GitHub-Repository zu werfen, das von Anfang an öffentlich verfügbar war. Die Formulierung "Gehirnzellen spielen DOOM" verschiebt stillschweigend den größten Teil der Intelligenz in die Software drumherum. Wer den Code liest, findet ein Hybrid-System, in dem konventionelle KI die Hauptarbeit erledigt und biologische Zellen als eine Art Rauschfilter fungieren, der das Ergebnis messbar, aber nicht dramatisch verbessert.
Kritiker fordern deshalb: Keine Veröffentlichung von Biohybrid-Ergebnissen ohne klare Aufschlüsselung, wie viel die biologische Komponente tatsächlich beiträgt und wie viel die Software erledigt. RD World Online musste den Versuch 601 Mal laufen lassen und sich durch Docstrings graben, um herauszufinden, was die offizielle Architektur des Systems über die Rolle der Neuronen aussagt. Diese Information hätte von Anfang an in jeder Berichterstattung stehen müssen.
Quellen
hadley.tv/doom
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