Happy Computer 04/1985: ATARI 8Bit und 16BIT
Kampf der Kolosse
Alles, was in der Heimelektronik Rang und Namen hat, traf sich in Las Vegas zur Winter Consumer Electronic Show (CES). Vier Tage lang dachte bei »Chips« niemand mehr an Black Jack oder Roulette, sondern nur noch an Computer.
Mittelpunkt der Show in der Wüstenstadt waren zwei Namen: Commodore und Atari. Die Software spielte im Gegensatz zur Sommer-CES in Chikago nur die zweite Geige. Bei Commodore hatte man Neuvorstellungen erwartet. Was aber Ataris neuer Big Boss Jack Tramiel mit den brandheißen Atari-Modellen aus dem Ärmel gezaubert hatte, glich schon den Kunststücken der beiden Super-Magier Siegfried und Roy vom Vegas-Strip. Tramiel hatte Wort gehalten. Nahezu alle in Frankfurt versprochenen Modelle wurden am Stand den staunenden Besuchern präsentiert.
Man durfte sowohl die Modelle 65 XE, 130 XE, und 65 XEP sehen – alles erweiterte Versionen des alten 800 XL – wie auch die 16-Bit-Kreationen 130 ST und 520 ST. Im passenden Design dazu gab es außerdem eine ganze Reihe neue Drucker und Diskettenstationen.
Mittelpunkt des Interesses waren natürlich die Computer der ST-Reihe. Unterkühlt elegant in nüchternem Hellgrau, mit Zehnerblock und abgesetzten Cursor-Tasten, erinnern die beiden Modelle 130 ST und 520 ST stark an professionelle Bürocomputer. Beide besitzen einen 68000-Mikroprozessor als CPU, die intern mit 32 Bit rechnet. Extern arbeitet sie mit 16 Bit. Damit können theoretisch über 16 Millionen Adressen direkt angesprochen werden. Entsprechend groß darf der verwaltete Speicherbereich sein. Der 130 ST besitzt 128 KByte RAM (erweiterbar auf 320 KByte) und 192 KByte ROM mit Basic und Logo. Eine Hardware-Uhr und ein Maus-Anschluß sind bereits vorhanden. Das Modell 520 ST unterscheidet sich vom 130 ST nur durch die serienmäßige Ausstattung mit 512 KByte RAM.
In Schwarzweiß kann der 130 ST am Bildschirm maximal 640 x 400 Punkte darstellen. Bei vier Farben sind es immerhin noch 640 x 200 Punkte und bei 16 Farben 320 x 200. Um diese ganze Pracht genießen zu können, gibt es von Atari einen passenden RGB-Monitor für weniger als 300 Dollar. Ein Monochrom-Monitor kostet unter 200 Dollar.
Bei einer derart hohen Auflösung und der schnellen 68000-CPU konnte Atari auch ein neues Software-Konzept realisieren. Der 130 ST wird serienmäßig mit GEM von Digital Research ausgestattet sein, ein Programm, das dem Anwender die Bedienung leicht macht und an Apples Macintosh erinnert. Das Bedienermenü arbeitet mit Symbolen und kann mit der Maus gesteuert werden. Außerdem erlaubt GEM Windows, Drop-down-Menüs und Vektor-Grafiken.
Kein Wunder also, daß bereits der Spitzname »Jackintosh« die Runde macht.
Beide Modelle besitzen für die externe Massenspeicherung einen eingebauten Diskettencontroller, an den die neuen 3½-Zoll-Laufwerke SF 324 (250 KByte) oder SF 354 (500 KByte) angeschlossen werden können. Darüber hinaus ist eine Schnittstelle für ein 3½-Zoll-Festplattenlaufwerk (SH 317) mit einer Übertragungsgeschwindigkeit von 1,3 MByte pro Sekunde eingebaut. Sogar ein Modul-Schacht ist vorhanden. Dazu kommen eine RS232- und eine Centronics-Schnittstelle, sowie Anschlüsse für einen RGB- und Monochrom-Monitor, TV, Joysticks und eine Maus.
Solche Merkmale waren bisher nur im oberen Personal Computer-Bereich zu finden, zum Beispiel bei Apples Lisa. Berücksichtigt man deshalb die von Atari genannten Preise, gerät man erst richtig ins Staunen: Der 130 ST soll mit Maus nur 399 Dollar (zirka 1240 Mark) kosten. Selbst der 520 ST sei nach Markteinführung für zirka 600 Dollar schon zu haben! Ein komplettes System, bestehend aus 130 ST, Monochrom-Monitor und Diskettenlaufwerk (ab zirka 150 Dollar), dürfte danach weniger als 800 Dollar (rund 2500 Mark) kosten.
Etwas unklar aber in jedem Fall sensationell ist die Aussage zum geplanten Festplattenlaufwerk. Es soll unter 600 Dollar (zirka 1860 Mark) kosten! Die Angaben zur Kapazität schwankten allerdings zwischen 10 MByte und 15 MByte. Letzter Stand sind 10 MByte, 3½-Zoll. Für diesen Preis gibt es bei vielen Herstellern noch nicht einmal ein normales Disketten-Doppellaufwerk.
Neben solchen Leckerbissen darf man aber die neuen Modelle der XE-Reihe nicht übersehen. Vor allem haben diese im Gegensatz zur ST-Reihe den Vorteil, wenigstens teilweise mit dem alten 800 XL kompatibel zu sein.
Auch die XE-Reihe präsentierte sich im neuen Design. Zwar nicht ganz so professionell, dafür aber handlicher als die großen ST-Brüder stellen sie genau genommen unterschiedlich modifizierte 800 XL-Maschinen dar. Das Grundmodell 65 XE unterscheidet sich vom 800 XL zum Beispiel nur durch das neue Gehäuse und soll rund 120 Dollar (zirka 370 Mark) kosten, wenn es in den USA auf den Markt kommt. Etwas mehr Speicherplatz bietet der 130 XE mit seinen 128 KByte. Mit einem Preis von weniger als 200 Dollar (das entspricht knapp 620 Mark) wird er dem ebenfalls auf der Messe neu vorgestellten und voraussichtlich 250 Dollar teuren Commodore 128 schwer zu schaffen machen.
Das Modell 65 XEM konnte laut Atari nicht mehr rechtzeitig fertiggestellt werden. Es wird zwar nur 64 KByte besitzen, soll dafür aber mit brillantem Klang aufwarten. Neben dem üblichen vierstimmigen Atari-Sound kann der 65 XEM achtstimmig zwischen 4,8 Hz und 7,8 kHz (über 10 Oktaven in der Grundfrequenz) trällern. Die Töne werden dabei nicht einfach als Rechteckimpulse generiert, sondern mit einer Samplefrequenz von 30 kHz synthetisiert.
Äußerlich gänzlich anders sieht der 65 XEP aus, eine tragbare Version des 65 XE, der ab April drüben in den Läden stehen soll. Er bietet einen eingebauten 5-Zoll-Monochrom-Bildschirm, ein eingebautes 3½-Zoll-Diskettenlaufwerk und eine Tastatur, die beim Tragen auf die Vorderseite geklemmt werden kann. Der 65 XEP arbeitet netzunabhängig mit einem Akku. Eine Ladung soll für zirka fünf Arbeitsstunden reichen. Die Speicherkapazität des Diskettenlaufwerks wollte man bei Atari noch nicht verraten. Interessant ist bei diesem Modell aber allein der Preis: 400 Dollar. Allerdings machte der 65 XEP von allen Atari-Modellen den schlechtesten Eindruck. Für längeres Arbeiten ist der winzige Bildschirm mit nur 40 Zeichen pro Zeile eine Tortur und das Design wirkt so altbacken, wie die Bildröhren-Technik im Zusammenhang mit Batteriebetrieb.
(c) Happy Computer 04/1985. Der Text ist nur ein Ausschnitt aus dem gesamten Artikel!
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